Wissenschaftliches Weltbild
Der riesige Erfolg, den der Verstand mit der Entdeckung der Naturgesetze und der darauf aufbauenden Technologie erringen konnte, verleitete ihn dazu anzunehmen, dass sich auf diese Weise alle Geheimnisse des Universums finden und alle Probleme lösen lassen. Nachlesen lässt sich das zum Beispiel in Galileo Galileis Schrift “Saggiatore”:
Übersetzung aus Wikipedia-Artikel zu Galileo Galilei
Auch wenn hier Galileo Galilei als Quelle angeführt wird, handelt es sich tatsächlich um eine kollektive Schlussfolgerung, die für die meisten Wissenschaftler naheliegend war. Schließlich hatte man mit den Naturgesetzen das elementare Verhalten der Materie beschrieben und der Gedanke ist durchaus plausibel, dass sich aus dem elementaren Verhalten auch alles andere ergeben könnte.
Hinzu kommt die historische Situation, in der die Naturgesetze gefunden wurden: Die Kirche hatte die Deutungshoheit über wahr und falsch und sie agierte auf der Grundlage von Dogmen und Doktrinen. Es handelt sich dabei um Glaubensannahmen, die keines Beweises bedurften. Als die Naturgesetze entdeckt wurden, ergab sich aber ein viel überzeugenderes Kriterium zum Feststellen der Wahrheit: Das elementare Verhalten der Materie ließ sich durch Mathematik vorausberechnen und dann in der Realität nachmessen: Es ließ sich beweisen.
Für den Verstand offenbarte sich mit den Naturgesetzen eine perfekte rationale Welt:
- Das elementare Verhalten der Materie lässt sich durch Mathematik (nahezu) vollkommen exakt beschreiben. Es ergibt sich eine scheinbar vollkommene Übereinstimmung von rationalem Modell und Realität.
- Das elementare Verhalten der Materie lässt sich mit Hilfe von Messgeräten vollständig über die Sinneswahrnehmung erfassen.
- Die exakte Berechnung des Verhaltens durch die Mathematik auf der einen Seite und die genaue Messung des tatsächlichen Verhaltens auf der anderen Seite ergeben zusammen den wissenschaftlichen Beweis als zwingendes Wahrheitskriterium.
- Die Naturgesetze bilden unter den Gesetzmäßigkeiten einen einzigartigen Spezialfall: Weil es sich um ein (nahezu) vollständig gesetzmäßiges Verhalten handelt, hat der Verstand eine (nahezu) vollständige Kontrolle darüber.
Wenn man annimmt, dass diese perfekten rationalen Bedingungen auf das ganze Universum übertragbar sind,
- dann braucht es kein anderes Erkenntnisprinzip und Wahrheitskriterium mehr außer der Wissenschaft.
- Alles, was es für Erkenntnis braucht, ist über die Sinneswahrnehmung zugänglich. Der Verstand muss sich mit der verwirrenden innerpsychischen Wahrnehmung nicht mehr auseinandersetzen.
- Alles ist rein rational durch den Verstand kontrollierbar: Erkenntnis, Wahrheit, Wahrnehmung, Psyche, Realität und Verhalten.
Was zum Zeitpunkt der Entdeckung der Naturgesetze zunächst durchaus noch eine nachvollziehbare und plausible Annahme war, wurde im Laufe der Zeit immer mehr zur Illusion. Für den Verstand besitzt die Idee, das Universum sei vollständig rational erkennbar und kontrollierbar, eine dermaßen hohe Attraktivität, dass er unter keinen Umständen bereit ist, sie aufzugeben. Je weiter sich die Wissenschaft auf andere Bereiche der Realität ausdehnte, umso mehr Risse zeigten sich in dem scheinbar so perfekten Weltbild und umso mehr musste der Verstand unbewusst tricksen, um sich mit den zunehmenden Widersprüchen und der Begrenztheit seiner Arbeitsweise nicht konfrontieren zu müssen.
Wenn Verhaltensstrategien, die für einen Teilbereich der Realität gut funktioniert haben, auf die Realität als Ganzes übertragen werden, dann müssen die spezifischen Randbedingungen dieses Teils der Realität zwangsläufig auch für die Realität als Ganzes gelten. Sie werden deshalb zu unbewussten Grundüberzeugungen über die Realität als Ganzes und bilden die Grundpfeiler einer Weltsicht, welche die Wahrnehmung der Realität filtert bzw. färbt. Neue Ideen können nur dann akzeptiert werden, wenn sie zu den unbewussten Grundüberzeugungen der Weltsicht nicht im Widerspruch stehen. Das kann man sich so ähnlich vorstellen wie in der Mathematik: Auch die Mathematik als Ganzes geht aus einigen wenigen Grundannahmen hervor, die dort als Axiome bezeichnet werden. Die Axiome selbst müssen nicht bewiesen werden, dafür aber alles andere, das aus den Axiomen durch Schlussfolgerungen hervorgeht. Andere Axiome führen zu einer anderen Mathematik.
Eigentlich ist die Existenz von unbewiesenen Grundannahmen innerhalb einer Weltsicht kein Problem, solange sie bewusst getroffen und immer wieder daraufhin überprüft werden, ob sie zur wahrgenommenen Realität noch widerspruchsfrei sind. Aber während die Axiome in der Mathematik einer voll bewussten Entscheidung entspringen, sind dem Verstand die Grundüberzeugungen seiner Weltsicht nicht bewusst. Unbewiesene Grundüberzeugungen würden auch nicht zum Image der Wissenschaft als einer unbestechlich objektiv bewiesenen Wahrheit passen. Sie werden ins Unbewusste verschoben, um die Illusion aufrecht zu erhalten. Das funktioniert deshalb, weil der Verstand seine Grundüberzeugungen als so selbstverständlich wahr ansieht, dass sie keiner bewussten Überprüfung bedürfen. Sie werden mit der Realität an sich gleichgesetzt. Indem sie nicht mehr als Annahmen erkannt, sondern als unhinterfragte Wahrheiten behandelt werden, nehmen sie den Charakter von Dogmen an.