Wissenschaft

Wissenschaft ist die höchstentwickelte Form eines rein rationalen Erkenntnisprinzips. Sie basiert ausschließlich auf der Funktion des Verstandes und unterliegt damit den gleichen Limitierungen wie der Verstand selbst.

Als die Wissenschaft in ihrer heutigen Form neu entstand, wurde Wahrheit durch Dogmen und Doktrinen der Kirche diktiert. Man hatte zu glauben, was die Kirche vorgab. Die Entwicklung der Wissenschaft begann mit der Entdeckung der Naturgesetze. Im Unterschied zu den Dogmen und Doktrinen der Kirche, ließen sich Naturgesetze beweisen. Das heißt, man konnte anderen Menschen anhand von Experimenten und Messungen zeigen, dass die Naturgesetze tatsächlich wahr sind. Die Naturgesetze bilden die Grundlage für die Entwicklung von Technologie. Der Verstand konnte also seine Wahrheit nicht nur beweisen, sondern er erzielte mit ihr auch noch einen riesigen Fortschritt für die Menschheit. Durch diese offensichtliche Überlegenheit übernahm die Wissenschaft das Wahrheitsmonopol von der Kirche. Dabei passierte etwas, das der Verstand häufig und ganz selbstverständlich tut, obwohl es im logischen Sinne falsch ist: Eine Vorgehensweise, die für eine spezifische Anwendung gut funktioniert, wird über ihren Anwendungsbereich hinaus ausgedehnt auf Bereiche, in denen sie nicht mehr funktioniert. Auf logischer Ebene handelt es sich um eine unzulässige Verallgemeinerung: Weil es bei den Naturgesetzen und der Technologie so überwältigend erfolgreich funktioniert hat, schien es dem Verstand irgendwie naheliegend, nur noch das als wahr zu akzeptieren, was auf die gleiche Weise nachweisbar ist. Die Wissenschaft wurde zum einzigen legitimen Erkenntnis- und Wahrheitsprinzip verabsolutiert. Wahr sein darf nur noch das, was wissenschaftlich bewiesen werden kann.

Ein wissenschaftlicher Beweis bedeutet, die Gültigkeit einer Behauptung anderen Menschen nachvollziehbar vorzuführen. Das ist nur dann möglich, wenn Vorführender und Empfänger alle Elemente der zu beweisenden Behauptung gleichzeitig wahrnehmen können. Das wiederum ist nur für die Sinneswahrnehmung gegeben. Die Wahrnehmung des Menschen geht jedoch weit über die Sinneswahrnehmung hinaus. Sie kann sich auch dem Inneren der Psyche zuwenden und dort innerpsychische Prozesse erfassen. Innerpsychische Wahrnehmungen können nicht Teil wissenschaftlicher Beweise sein, weil sie sich anderen Menschen nicht vorführen lassen. Sie werden von der Wissenschaft als unwissenschaftlich abgewertet, was so viel bedeutet wie irreführend, lächerlich und dumm. Die Wissenschaft betrachtet das Innere der Psyche als reine Reflexion der Sinneswahrnehmung. Aus ihrer Sicht kann in die Psyche nichts hineinkommen außer über die Sinne. Sie sieht die Psyche nicht als eigenständige Informationsquelle, welche über die Sinneswahrnehmung hinausgehende Informationen liefert - ein fundamentaler Irrtum über die Realität.

Die Lösung all der Krisen liegt im Inneren der Psyche, aber sie darf dort nicht gesucht werden, weil das unwissenschaftlich ist!

Weil die Wissenschaft der innerpsychischen Wahrnehmung keine Bedeutung beimisst, wird sie auch nicht entwickelt. Immer mehr Menschen haben überhaupt keinen Zugang mehr zu den Prozessen im Inneren ihrer Psyche und empfinden ihre innerpsychische Wahrnehmung als unangenehm und beängstigend. Normalerweise wendet sich die Aufmerksamkeit automatisch nach innen, sobald ihre äußere Inanspruchnahme nachlässt. Das geschieht zum Beispiel, wenn man irgendwo warten muss, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fährt oder nachts nicht einschlafen kann. Seit es aber Smartphones gibt, wandert die Aufmerksamkeit in solchen Momenten sofort zum Smartphone und wird so lückenlos nach außen fixiert. Das ist fatal, weil der Mensch damit von seinem Ursprung - der Quelle seines Verhaltens - abgeschnitten wird.

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