Das Ich und die Welt oder: "Wer bin Ich?"

Bis jetzt ist der Begriff "Bewusstsein" nur so eine Art Platzhalter für die Lücke, die sich im wissenschaftlichen Weltbild auftut, wenn man es von seinen Illusionen befreit:

  1. Wie entsteht das selbst-getriebene, absichtliche Verhalten der Lebewesen?
  2. Was beeinflusst den nicht-gesetzmäßigen Verhaltensanteil der Materie?
  3. Was verändert die Gesetzmäßigkeiten super-komplexer Systeme?

Da weder die leblose Materie mit ihren Gesetzmäßigkeiten noch der Zufall für all das als Verursacher in Frage kommen, muss es etwas anderes geben und das nennen wir jetzt einfach mal Bewusstsein. Weil das Bewusstsein Veränderungen bewirkt, die wir wahrnehmen können, ist es eine Form von Energie. Um diese Energie zu finden, würden wir normalerweise unsere Sinne einsetzen und vielleicht ein paar Messgeräte. Das Bewusstsein ist aber eine nicht-materielle Form von Energie. Über die Sinne funktioniert es nicht.

Bewusstsein ist die Quelle des Verhaltens der Lebewesen. Der Mensch ist ein Lebewesen. Die Frage ist deshalb: "Wie entsteht mein eigenes Verhalten?" Da das Verhalten im Inneren der Psyche entsteht, hilft ein Blick in die eigene Psyche (innerpsychische Wahrnehmung).

Die meisten Menschen würden auf die Frage nach der Entstehung ihres Verhaltens vermutlich antworten: "Ich denke darüber nach, was das Richtige ist und das tue ich dann." Die Entwicklung des Verstandes hat dazu geführt, dass sich der Mensch für einen rational durch den Verstand gesteuerten Körper hält. Körper und Verstand sind aber nicht die Quelle des Verhaltens, sondern das Ich: "Ich denke nach. Ich tue das und das." Das Ich setzt Verstand und Körper in Bewegung. Deshalb ist das Ich Energie. Das Ich ist ein Element der Energieform Bewusstsein.

Was also ist das Ich? oder: Wer bin ich? Obwohl diese kleine Frage beharrlich immer wieder irgendwo auftaucht und irgendwie wichtig zu sein scheint, bemüht sich kaum jemand ernsthaft darum, sie zu beantworten. Die meisten halten sie wohl für eine philosophische oder spirituelle Frage. Dabei ist es eine zutiefst praktische Frage. Man könnte mit einigem Recht sagen, dass es die praktischste Frage überhaupt ist, denn sie ist der Schlüssel zur Lösung all der Probleme, die der Verstand nicht gelöst bekommt. Also: Wer bin ich? Auf rationaler Ebene ist die Antwort einfach: "Ich bin ich!" Jetzt geht es nur noch darum zu verstehen, wer oder was "ich" ist. Um eine Energieform zu verstehen, muss man ihr Verhalten verstehen: Was also ist das Verhalten des Ich? Das Ich ist nicht der Körper. Es läuft oder hopst nicht durch die Gegend. Das Ich ist auch nicht der Verstand. Es denkt deshalb auch nicht nach. "Ich denke, also bin ich." führt hier leider auf den falschen Dampfer. Das Ich nimmt wahr. Bewusstsein ist das, was wahrnimmt.

Bewusstsein ist eine Form von Energie. Es interagiert mit dem, was es wahrnimmt:

  • Es wird verändert durch das, was es wahrnimmt
  • und es verändert das, was es wahrnimmt.

Das Ich nimmt "die Welt" wahr. Es geht deshalb im Folgenden um die Interaktion zwischen Ich und Welt - zwischen dem, was wahrnimmt und dem, was wahrgenommen wird:

Nur am Rande sei bemerkt, dass in diesem Modell der Verstand und der Körper Teil "der Welt" sind. Das Ich ist nur das Ich - kein Körper, kein Verstand - nur Ich und Wahrnehmung.

Es gibt keine Veränderung ohne Potential. Wenn die Welt verändernd auf das Ich einwirkt, dann erzeugt sie ein Potential, dem das Verhalten des Ich folgt. Ein Potential bedeutet, von etwas angezogen zu werden. Das Ich ist das, was wahrnimmt. Wenn etwas anziehend auf das Ich wirkt, dann zieht es die Wahrnehmung des Ich an. Das Ich kann seine Wahrnehmung lenken wie einen Scheinwerfer, der über eine Landschaft streift und es lenkt seine Wahrnehmung auf das, wovon es angezogen wird. Das ist das Potential, welches "die Welt" auf "das Ich" ausübt und dem das Verhalten des Ich folgt: Das Ich folgt mit seiner Wahrnehmung dem Potential, das von der Welt ausgeht.

Wenn das Ich mit seiner Wahrnehmung auf etwas verweilt, von dem es sich angezogen fühlt, dann spricht man auch von "Aufmerksamkeit schenken". Das Ich fühlt sich von bestimmten Wahrnehmungen angezogen und schenkt diesen Wahrnehmungen dann seine Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist der Fokus der Wahrnehmung, der sich etwas zuwendet, das eine Anziehungskraft (Potential) auf das Ich ausübt. Teilweise kann das Ich aus mehreren anziehend wirkenden Wahrnehmungen wählen, welcher Sache es Aufmerksamkeit schenkt. Manche Wahrnehmungen ziehen jedoch so vehement die Aufmerksamkeit auf sich, dass sich das Ich ihnen zwangsläufig zuwenden muss (Schmerzen zum Beispiel).

Wahrnehmung ist nicht nur Sinneswahrnehmung, sondern auch innerpsychische Wahrnehmung. Wenn das Ich über seine Sinne die materielle Welt wahrnimmt, dann löst das psychische Prozessen aus, welche assoziativ zur Sinneswahrnehmung innerpsychische Wahrnehmungen (z.B. Vorstellungen) hervorbringen. Eine Art von innerpsychischer Wahrnehmung spielt bei der Entstehung von Potential eine ganz besondere Rolle: die Zukunftsprojektionen. Das Bewusstsein projiziert permanent die Wahrnehmung der Gegenwart in die Zukunft. Auf diese Weise erzeugt es mögliche Versionen zukünftiger Entwicklungen, die es auf Übereinstimmung mit seinen Zielen und Bedürfnissen hin bewertet. "Zukunft" kann in diesem Zusammenhang die ganze Spannbreite von Sekunden bis zu Jahrzehnten sein. Einige Zukunftsprojektionen üben eine besonders große Anziehungskraft auf das Ich aus und werden zu Absichten. Absichten sind Zustände, von denen das Bewusstsein angezogen wird. Sie entstehen durch die Fähigkeit des Bewusstseins, aus der Sinneswahrnehmung der Gegenwart Vorstellungen möglicher zukünftiger Entwicklungen zu erzeugen.

Das ist die Wirkung, welche die Welt auf das Verhalten des Ich ausübt: Das Ich fühlt sich von bestimmten Wahrnehmungen angezogen und schenkt diesen Wahrnehmungen dann seine Aufmerksamkeit. Wahrnehmung und Aufmerksamkeit des Ich sind allerdings nicht unbedingt das, was man als "das Verhalten des Menschen" ansehen würde. Mit "dem Verhalten des Menschen" assoziiert man eher sein körperliches Verhalten. Wie kommt nun also das körperliche Verhalten zustande? "Ich denke darüber nach, was das Richtige ist und das tue ich dann." Da ist sie wieder, die rationale Antwort, die in diesem Fall leider nicht zum Ziel führt. Aber zumindest taugt sie als Einstieg: Rationale Verhaltensentscheidungen sind oft sehr schwer in die Tat umzusetzen. Man denke nur an "gute Vorsätze". Nicht selten muss man sich dazu überwinden oder regelrecht zwingen. Aber jeder Mensch hat in seinem Leben auch schon das komplette Gegenteil davon erlebt:

  • wenn etwas ganz leicht, mühelos und wie von selbst geht
  • wenn man sich gar nicht bremsen kann
  • wenn man ohne jede Anstrengung voll konzentriert ist
  • wenn Ideen und kreative Einfälle nur so sprudeln
  • wenn man voller Energie und Tatendrang ans Werk geht
  • wenn alles genau so funktioniert, wie es das soll

Und damit sind wir bei der Wirkung, welche das Ich auf die Welt ausübt. Denn was hier gerade beschrieben wurde, ist ein Verhalten von Körper und Psyche. Körper und Psyche jedoch sind Teil "der Welt". Das Ich setzt Körper und Psyche auf eine ganz mühelose, selbstverständliche Weise in Bewegung, einfach nur dadurch, dass es seine Aufmerksamkeit auf etwas richtet, von dem es sich angezogen fühlt. Das ist die natürliche Entstehung des menschlichen Verhaltens - ganz im Gegensatz zur rationalen Entstehung des Verhaltens. Es ist nämlich ein Unterschied, ob das Bewusstsein den Verstand in Bewegung setzt, um einen angestrebten Zustand zu erreichen oder ob der Verstand die Verhaltensentscheidungen trifft und das Bewusstsein damit blockiert.

Bewusstsein lenkt Energie in Richtung dessen, was im Fokus seiner Aufmerksamkeit ist. Es erzeugt für andere Energie-Elemente ein Potential, das sie in Richtung seiner Aufmerksamkeit lenkt.

Das ist die Grundlage absichtlichen Verhaltens. Ohne diese Eigenschaft des Bewusstseins gäbe es kein absichtliches Verhalten und auch keine Entwicklung, denn leblose Materie ist nur zu zufälligem oder gesetzmäßigem Verhalten in der Lage. Aufmerksamkeit ist pure verändernde Energie und die Grundlage jeglicher Form von Entwicklung. Deshalb heißt es "Aufmerksamkeit schenken" und deshalb werden im Internet Follower und Likes gesammelt.

Der Einflussbereich des Bewusstseins geht weit über Körper und Psyche hinaus und umfasst die gesamte menschliche Lebensumgebung. Bewusstsein übt seine Wirkung auf absolut jede Form von Energie aus:

  • Es setzt Körper und Psyche in Bewegung (Konzentration, Kreativität, Ideen, spontanes Verhalten).
  • Es steuert den gesetzmäßigen Verhaltensanteil der Materie mit Hilfe des Verstandes (z.B. Technologieentwicklung).
  • Es lenkt das, was der Verstand für Zufall hält: den nicht-gesetzmäßigen Verhaltensanteil der Materie und die Veränderung von Gesetzmäßigkeiten. (Wie dieser Prozess genau abläuft - darum geht es in den nächsten Kapiteln.)

Der Verstand kennt die erstaunliche Wirkung der Aufmerksamkeit nicht, weil er aus Angst, dass mal für ein paar Sekunden nichts passiert, immer schon in Aktionismus verfällt, bevor sich die Wirkung der Aufmerksamkeit zeigen kann.

Es sind 2 Szenarien der Verhaltensentstehung zu unterschieden:

  1. die natürliche Entstehung des Verhaltens: Das Ich (Bewusstsein) fühlt sich von einer Wahrnehmung angezogen und schenkt ihr seine Aufmerksamkeit. Daraus ergibt sich ein spontanes und kreatives Zusammenspiel von Körper und Psyche. Eine spezifische Ausprägung davon ist übrigens auch das, was man im ursprünglichen Sinn als Spielen bezeichnet. Die Aufmerksamkeit wird von einem Spielzeug angezogen und daraus erwachsen spontan immer wieder neue kreative Verhaltensimpulse. Es lässt sich besonders gut an kleinen Kindern beobachten, weil es mit dem Älter werden durch die zunehmende Dominanz des Verstandes immer mehr verloren geht. Bei dieser Art des Verhaltens lenkt die Ausrichtung der Aufmerksamkeit alle beteiligten Formen von Energie in Richtung des angestrebten Zustandes.
  2. die rationale Entstehung des Verhaltens: Der Verstand trifft eine Verhaltensentscheidung und hat nun das Problem, sie irgendwie in die Tat umsetzen zu müssen. Rationale Verhaltensentscheidungen erzeugen kein Potential. Wenn es so erscheint, dann war das Potential schon vorher da und hat den Verstand in Bewegung gesetzt, einen praktischen Weg zu ermitteln. Aber bei rein rationalen Verhaltensentscheidungen existiert zunächst keinerlei Potential, das Körper und Psyche in Bewegung versetzt. Der Verstand muss das Potential irgendwie künstlich erzeugen. Er muss es schaffen, die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, von dem die Aufmerksamkeit nicht angezogen wird. Das tut er, indem er zur Abschreckung ein negatives (abstoßendes) Potential erzeugt. Er bläst in seiner Vorstellung (oder auch Kommunikation) die negativen Konsequenzen gewaltig auf, die sich angeblich ergeben, wenn seine Verhaltensentscheidung nicht umgesetzt wird. Und tatsächlich funktioniert das teilweise. Die Abschreckung durch die angeblich riesigen negativen Konsequenzen lenken die Aufmerksamkeit auf etwas, dem sie sich eigentlich nicht zuwenden will. Es macht zwar keinen Spaß, aber es setzt Körper und Psyche widerwillig in Bewegung. Allerdings muss der Verstand dafür die Aufmerksamkeit zunächst mit großem Nachdruck auf den Zustand fixieren, der eigentlich vermieden oder verlassen werden soll. Zwar kann er auf diese Weise die Aufmerksamkeit teilweise in die beabsichtigte Richtung zwingen und damit Körper und Psyche in die gewollte Richtung bewegen, aber auch der zur Abschreckung dienende negative Zustand bekommt sehr viel Aufmerksamkeit, was große Mengen an Energie in die falsche Richtung lenkt.

Der Verstand trennt die Aufmerksamkeit vom Potential, das sie ursprünglich gelenkt hat. Dadurch kann der Verstand die Wirkung der Aufmerksamkeit für seine Zwecke nutzen. Der Preis dafür ist allerdings, dass ein Teil der Energie den Absichten des Verstandes entgegenwirkt.

Dem Verstand ist die Potential-Ebene der Verhaltensentstehung nicht bewusst. Er misst ihr keine Bedeutung bei, weil er den Zusammenhang nicht kennt. Aus seiner Sicht ist die rationale Begründung für ein Verhalten das Entscheidende und alles andere hat sich dem selbstverständlich unterzuordnen. Aber auch wenn dem Verstand das nicht bewusst ist:

Es existiert zu JEDEM Verhalten eine Wahrnehmung, die es antreibt!

Auf dieser Wahrnehmung ruht die Aufmerksamkeit und lenkt die Wirkung des Bewusstseins auf andere Energie-Elemente (und insbesondere auch auf Materie).

Wenn der Verstand die Aufmerksamkeit auf etwas lenkt, von dem keinerlei anziehende Wirkung ausgeht, dann tendiert die Aufmerksamkeit dazu, sich immer wieder von dort wegzubewegen. Sie versucht, zu dem zurückzukehren, wovon sie angezogen wird. Der Verstand muss die Abschreckung deshalb permanent bekräftigen. Damit die Aufmerksamkeit auf das gerichtet bleibt, was der Verstand anstrebt, muss auch die abschreckende gegenteilige Vorstellung permanent Aufmerksamkeit bekommen. In diesem Szenario ist die eigentlich das Verhalten antreibende Vorstellung deshalb nicht das, wo der Verstand auf rationaler Ebene hinwill, sondern das abschreckende Gegenteil.

Bei rein rationalen Verhaltensentscheidungen ist die Absicht, welche der Verstand verfolgt, nicht mit der Vorstellung Identisch, welche das Verhalten antreibt und damit die Energie des Bewusstseins lenkt. Ganz im Gegenteil liegt beides gegensätzlich auseinander.

Der Verstand setzt die Psyche so lange mit Horrorszenarien unter Druck, bis sich Psyche und Körper widerwillig in die gewollte Richtung bewegen. Und je mehr er das tut, umso mehr Energie lenkt er in die falsche Richtung. Der Verstand sieht von dem, was eine erfolgreiche Entwicklung ausmacht, nur einen kleinen Bruchteil. Wenn er auf diese Weise Verhalten erzwingt, lenkt er alles, was er nicht unmittelbar kontrollieren kann, unbewusst entgegen seiner Absichten. Das betrifft insbesondere auch

  • den nicht-gesetzmäßigen Verhaltensanteil der Materie
  • und die Veränderung von Gesetzmäßigkeiten
nächstes Kapitel: Bewusstsein und Gesetzmäßigkeiten