Aktionismus

Wissenschaft untersucht die Gesetzmäßigkeiten der Materie. Das ist der Bereich der Realität, den der Verstand mit seiner Arbeitsweise - der Rationalität - kontrollieren kann. Und das ist auch der Bereich, in dem nach Lösungen gesucht wird, wenn ein Problem auftritt. Rationale Lösungen bestehen darin, materielle Gesetzmäßigkeiten anzuwenden.

Gesetzmäßigkeit: Bedingung ⇒ Konsequenz

Das bedeutet, der Mensch muss mit seinem Verhalten eine Bedingung erfüllen, um durch die entsprechende Konsequenz die Lösung für sein Problem zu erhalten. Der Begriff materielle Gesetzmäßigkeit bedeutet dabei, dass die Bedingung vollständig über die 5 Sinne wahrnehmbar sein muss. Das ist auch die Voraussetzung bei wissenschaftlichen Beweisen: Innerpsychische Wahrnehmungen können nicht Teil der Bedingungen sein!

Weil sich die Entstehung des menschlichen Verhaltens rein innerpsychisch abspielt, kann sie nicht Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtungen sein. Entsprechend kümmert sich die Wissenschaft auch nicht darum, wie das Verhalten zur Anwendung ihrer Gesetzmäßigkeiten zustande kommen soll. Es wird einfach vorausgesetzt, dass der Mensch das irgendwie hinzubekommen hat. Das entspricht dem Anspruch des Verstandes einer vollständig rationalen Verhaltenskontrolle. Das Verhalten hat sich rationaler Richtigkeit bedingungslos unterzuordnen.

Schauen wir uns am Beispiel Übergewicht an, welche Konsequenzen das hat:

Aus rationaler Sicht entsteht Übergewicht durch ein Zuviel an mit der Nahrung aufgenommener Energie. Die überschüssige Energie wird als Fettreserve im Körper eingelagert. Der gesetzmäßige Zusammenhang zwischen der mit der Nahrung aufgenommenen Energiemenge und dem Gewicht des Körpers ist die Grundlage für die rationale Lösung des Problems: Es muss weniger Energie mit der Nahrung aufgenommen werden, als der Körper braucht, damit die Fettreserven aufgebraucht werden. Das lässt sich auf zwei Wegen erreichen:

  • Energiezufuhr reduzieren (weniger bzw. kalorienärmer essen)
  • Energieverbrauch erhöhen (mehr Bewegung, z.B. durch Sport)

Aus rationaler Sicht gibt es da einfach ein Fehlverhalten (zu viel essen), das nun durch rationale Intelligenz in das richtige Verhalten (weniger essen oder mehr Sport) korrigiert wird.

Wo das Fehlverhalten eigentlich herkommt und wie der Mensch es hinbekommen soll, sein Verhalten einfach zu ändern, spielt auf rationaler Ebene - wie eingangs bereits erläutert - keine Rolle. Der Verstand geht einfach davon aus, dass sich das Verhalten materiellen Gesetzmäßigkeiten bedingungslos unterzuordnen hat. Die Entstehung des Verhaltens ist nicht Teil des rationalen Weltbildes.

Das Verhalten des Körpers wird durch die Aufmerksamkeit des Bewusstseins gelenkt und die Aufmerksamkeit des Bewusstseins folgt einem Potential, das aus der Wahrnehmung und innerpsychischen Prozessen entsteht.

Es gibt kein Verhalten ohne ein Potential, das auf die Aufmerksamkeit wirkt! Die Aufmerksamkeit lenkt den Körper und sie lenkt auch den nicht-gesetzmäßigen Verhaltensanteil der Materie und die Entwicklung ihrer Gesetzmäßigkeiten.

Normalerweise steuert der natürliche Appetit des Körpers die Nahrungsaufnahme so, dass genau so viel Energie mit der Nahrung aufgenommen wird, wie der Körper braucht. Durch einen Mangel an Erfüllung entsteht aber ein Bedürfnis nach Ersatzbefriedigung. Essen ist eine jederzeit leicht erreichbare körperliche Freude und deshalb besonders gut geeignet, als Ersatzbefriedigung zu dienen. Deshalb führt der Drang nach Ersatzbefriedigung zu einem Zuviel an Nahrungsaufnahme.

Die eigentliche Ursache des Problems ist der Mangel an Erfüllung und der daraus resultierende Drang nach Ersatzbefriedigung (Potential).

Um das Problem wirksam zu lösen, müsste der Mangel an Erfüllung abgestellt werden. Solange das nicht geschieht, passiert Folgendes:

Die zunehmende Entwicklung des Übergewichts führt zu einer negativen Wahrnehmung, zum Beispiel wenn man sich im Spiegel sieht, auf der Waage steht oder andere Menschen entsprechende Bemerkungen machen. Negative Entwicklungen vereinnahmen die Aufmerksamkeit. Sie ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Sie fesseln die Aufmerksamkeit. Das macht durchaus Sinn, weil das Problem ja gelöst werden muss. Aus der Wahrnehmung des Übergewichts entsteht ein negatives Potential in Form des Wunsches, diesen Zustand zu verlassen. Das negative Potential spielt dem Verstand und seiner rationalen Lösung eigentlich in die Hände: Es strebt nach einer Lösung und der Verstand glaubt ja, eine Lösung zu haben. Das Problem ist allerdings, dass das ursprüngliche Potential in Form des Suchtbedürfnisses nach Ersatzbefriedigung, welches überhaupt erst zu der negativen Entwicklung geführt hat, weiterhin existiert. Es stehen sich dadurch zwei einander widersprechende Potentiale gegenüber:

  1. der Drang nach Ersatzbefriedigung (positives Potential) als Ursache des negativen Zustands
  2. der Wunsch, den negativen Zustand "Übergewicht" zu verlassen (negatives Potential)

Wenn der Verstand versucht, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen, hat er das Problem, dass sich die beiden Potentiale unabhängig voneinander zu unterschiedlichen Zeitpunkten manifestieren:

  • Wenn das Übergewicht wahrgenommen wird, entsteht das negative Potential und der Verstand fasst den Entschluss, das Problem zu lösen (ein "guter Vorsatz").
  • Wenn sich die Aufmerksamkeit der Nahrungsaufnahme zuwendet, wird sie vom Übergewicht abgelenkt und der Drang nach Ersatzbefriedigung entfaltet einfach weiterhin seine Wirkung.

Um sein Vorhaben umzusetzen, muss es dem Verstand gelingen, das negative Potential in den Moment der Nahrungsaufnahme hinein zu transportieren. Er muss es schaffen, im Moment der Nahrungsaufnahme die Aufmerksamkeit auf die negative Wahrnehmung des Übergewichts umzulenken, um auf diese Weise den Drang nach Ersatzbefriedigung (positives Potential) durch den Wunsch nach einer Lösung des Problems (negatives Potential) zu ersetzen.

Das kann teilweise funktionieren und die Nahrungsaufnahme bei einzelnen Mahlzeiten reduzieren, aber es erfordert Konzentration und psychische Anstrengung. Und weil der Drang nach Ersatzbefriedigung dennoch ungelöst bleibt, muss dieser Vorgang dauerhaft aufrechterhalten bzw. bei jedem Essen immer und immer wieder wiederholt werden. Der Verstand muss die Aufmerksamkeit immer weiter bei möglichst jeder Nahrungsaufnahme auf die negative Wahrnehmung des Problems "Übergewicht" umlenken. Dadurch gelingt es dem Verstand zwar mit der Zeit immer besser, die aufgenommene Nahrungsmenge herunter zu regulieren, ABER

Die wieder und wieder auf die negative Wahrnehmung des Übergewichts umgelenkte Aufmerksamkeit lenkt den nicht-gesetzmäßigen Verhaltensanteil der Materie und die Veränderung der Gesetzmäßigkeiten in Richtung dessen, worauf Sie fokussiert wird - und das ist das Übergewicht!

Die Nahrungsverwertung des Körpers teilt sich wie jedes Verhalten eines super-komplexen Systems in einen nicht-gesetzmäßigen und einen gesetzmäßigen Anteil. Als Nahrungsverwertung wird bezeichnet, wie viel Energie die Verdauung des Körpers aus der Nahrung herauszieht und wie viel Energie infolgedessen über den unmittelbaren Verbrauch hinaus als Fettreserve angelegt wird.

  • Der nicht-gesetzmäßige Verhaltensanteil ist die Spanne, innerhalb der die Nahrungsverwertung bei jedem einzelnen Verdauungsvorgang variieren kann. Die negative Aufmerksamkeit auf dem Übergewicht lenkt die Nahrungsverwertung bei jedem einzelnen Verdauungsvorgang in Richtung Übergewicht.
  • Das wiederum lenkt durch Wiederholung auch den gesetzmäßigen Verhaltensanteil in Richtung Übergewicht. Der gesetzmäßige Verhaltensanteil bildet den Rahmen, innerhalb dessen die Nahrungsverwertung bei einem konkreten Verdauungsvorgang variieren kann.

Kurz gesagt verändert sich die Nahrungsverwertung so, dass trotz immer geringerer Nahrungsaufnahme das Gewicht nicht abnimmt und in manchen Fällen sogar weiter zunimmt. Millionen oder vielleicht sogar Milliarden Menschen kennen den Effekt. Manche essen fast gar nichts mehr und nehmen dennoch nicht ab. Aus rationaler Sicht ist das eine zufällige (genetische) Veranlagung oder eine Entwicklung, die tendenziell mit dem Alter zunimmt.

Ähnlich sieht es aus, wenn der Verstand die andere Lösungsalternative wählt, den Energieverbrauch durch mehr Bewegung bzw. Sport zu steigern. Der Körper hat einen natürlichen Bewegungsdrang. Dieser bildet ein Potential, das für die Ausübung von Sport genutzt werden kann, ohne dass es negative Auswirkungen hat. Wenn aber durch Bewegung eine übermäßige Nahrungsaufnahme kompensiert werden soll, muss die Menge an Bewegung über das natürliche Maß hinaus erhöht werden. Auch das geht wiederum nur, indem die Aufmerksamkeit auf die negative Wahrnehmung des Problems gelenkt wird mit den gleichen negativen Auswirkungen, wie soeben schon beschrieben: Die wiederholt auf die negativen Auswirkungen des Problems fixierte Aufmerksamkeit setzt eine Entwicklung in Gang, die der Lösung des Problems entgegen wirkt.

Manchmal scheint es so, als könne Übergewicht doch auf diese rationale Weise gelöst werden, ohne die eigentliche Ursache (den Mangel an Erfüllung) zu beheben. Tatsächlich wurde das Problem dann aber in andere Bereiche verschoben, z.B. zu einer anderen Sucht, die sich ganz unbemerkt einschleicht oder in eine Depression. Dadurch muss die Aufmerksamkeit nicht mehr auf die negative Wahrnehmung des Übergewichts fixiert werden. Im Verborgenen wächst aber ein anderes Problem heran, das aus rationaler Sicht wieder ganz zufällig entstanden zu sein scheint.

Die rationale Lösung ist eine Scheinlösung. Sie kann zwar vorübergehend die aufgenommene Energiemenge reduzieren, aber sie kann das Problem nicht dauerhaft lösen. Es handelt sich um Aktionismus, der aus einer unvollständigen Weltsicht entsteht und das gesamte Verhalten des Menschen fundamental durchzieht. Er zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:

  1. Er soll ein Problem lösen.
  2. Er basiert auf einem rationalen Lösungsansatz, der dem Verstand mit größter Überzeugungskraft richtig erschient.
  3. Die eigentliche Problem-Ursache wird aber nicht gesehen, weil sie sich außerhalb des rationalen Weltbildes befindet.
  4. Aktionismus wird von einem negativen Potential angetrieben, das aus der Wahrnehmung der negativen Auswirkungen des Problems entsteht.
  5. Trotz lang andauernder Anstrengungen und gelegentlichen zwischenzeitlichen Teilerfolgen kann das Problem nicht dauerhaft gelöst werden.

Aktionismus verstärkt die negativen Auswirkungen des Problems, das er eigentlich lösen soll, weil die Aufmerksamkeit auf den negativen Zustand fixiert bleibt.

Daraus ergeben sich ein paar sehr grundlegende und wichtige Fragen:

  • Kann ein von einem negativen Potential angetriebenes Verhalten überhaupt erfolgreich sein?
  • Falls nicht - wie soll dann überhaupt jemals ein Problem gelöst werden können? (Als Problem wird in diesem Kontext eine negative Entwicklung bezeichnet, für die zunächst noch keine Lösung bekannt ist. Ein Problem ist deshalb an seinem Ausgangspunkt zwangsläufig immer mit einem negativen Potential verbunden: Es weckt den Wunsch, den negativen Zustand zu verlassen.)
  • Wie kann die Ursache eines Problems gefunden werden, wenn sie außerhalb des rationalen Weltbildes liegt?

Theoretisch könnte ein negativ angetriebenes Verhalten schon ein Problem lösen, wenn es das durch eine einmalige Aktion sofort und wirksam tut. Eine negative materielle Entwicklung entsteht erst durch stetige Wiederholung eines negativ angetriebenen Verhaltens. In der Praxis deutet ein negatives Potential aber darauf hin, dass die tatsächliche Lösung noch nicht gefunden wurde. Die Kenntnis der tatsächlichen Lösung würde ein positives Potenzial erzeugen, dem das Verhalten folgen kann.

Eine tatsächlich wirksame Lösung von Problemen, deren Ursache nicht Teil des rationalen Weltbildes ist, kann nur mit Hilfe der vom Verstand unterdrückten nicht-rationalen Teile der Psyche gefunden werden. Ich bezeichne den Prozess, der die nicht-rationalen Teile der Psyche reaktiviert, als nicht-rationale Erkenntnis. Wie das funktioniert, damit wird sich ein späterer Teil dieser Publikation befassen.

nächstes Kapitel: Negative Zukunftsprojektionen