Rationale Verhaltensentscheidungen
Lebewesen zeichnen sich durch ihr selbst-getriebenes Verhalten aus. Sie können ihren Körper aus eigener Kraft in Bewegung versetzen. Das bedeutet, Lebewesen können in einem gewissen Umfang ihren Zustand verändern. Diese Fähigkeit benutzen sie, um mit ihrer Umwelt zu interagieren: Sie verändern ihren eigenen Zustand so, dass sie dadurch auf ihre Umwelt einwirken und dort eine spezifische Zustandsänderung erreichen, die wiederum auf eine beabsichtigte Weise auf sie zurückwirkt.

Interaktion macht Zustände erreichbar, die nicht allein durch selbst-getriebenes Verhalten zu erreichen sind.
Auch leblose Materie-Elemente interagieren. Sie haben allerdings weder ein selbst-getriebenes Verhalten noch eine Wahrnehmung. Ihre Interaktionen folgen keinen Absichten, sondern werden ausschließlich durch äußerlich einwirkende Kräfte bestimmt.
Aus Sicht eines Lebewesens hat eine Interaktion zwei wesentliche Komponenten:
- Was soll mit der Interaktion erreicht werden? Das ist der Zielzustand (die Absicht), den die Materie durch ihre Reaktion im Lebewesen auslösen soll.
- Wie kann die Absicht verwirklicht werden? Wie muss sich das Lebewesen verhalten (seinen Zustand verändern), damit die Reaktion der umgebenden materiellen Welt seiner Absicht entspricht?

Woher wissen Lebewesen, wie sie ihren eigenen Zustand ändern müssen, um einen bestimmten Zustand als Resultat der Interaktion zu erreichen? Auf welche Weise kann zu einem Was das passende Wie ermittelt werden? Das könnte man als die Grundfrage von Erkenntnis bezeichnen. Eine mögliche Antwort auf diese Frage ist der Verstand des Menschen mit seinen Gesetzmäßigkeiten und der Wissenschaft - den die anderen Lebewesen aber nicht haben!
Lebewesen ohne einen Verstand folgen einfach dem natürlichen Potential, das auf ihre Wahrnehmung wirkt.
Das funktioniert allerdings nur für Interaktionen, die unmittelbar zur Erfüllung des Bedürfnisses führen, das sie antreibt. Was zunächst nach einer ziemlich starken Einschränkung klingt, funktioniert aber tatsächlich auch für Interaktionen mit einem sehr komplexen Nutzen, denn das System arbeitet hier mit einem ganz erstaunlichen Trick:
Interaktionen mit einem komplexen Nutzen, der ohne Verstand nicht erfasst werden könnte, bieten dennoch auch ein unmittelbares Gefühl von Erfüllung:
- Nahrungsaufnahme: Essen ist eine körperliche Freude, die unmittelbar zu einem Gefühl von Erfüllung führt. Das ist das Potential, welches die Nahrungsaufnahme steuert: der natürliche Appetit des Körpers. Darüber hinaus hat die Nahrungsaufnahme aber eigentlich eine viel komplexere Funktion: den Körper mit Energie zu versorgen.
- Zwei-geschlechtliche Fortpflanzung: Auch der Geschlechtsakt ist eine körperliche Freude, die unmittelbar zu einem Gefühl von Erfüllung führt und darüber hinaus eine komplexe Funktion für den Fortbestand der Art hat.
Ohne Verstand sind Interaktionen auf die unmittelbare Erfüllung eines Bedürfnisses (Potential) ausgerichtet, auch wenn sie dennoch einen sehr komplexen darüber hinausgehenden Nutzen haben können.
Erst der Verstand ermöglicht es durch sein Modell der Realität, komplexe Zusammenhänge zwischen eigenem Verhalten und Reaktion der Umwelt herzustellen. Der Verstand ermöglicht es, mit dem Verhalten sehr weit entfernte Ziele (Was) zu erreichen, die nur durch eine komplexe Verknüpfung vieler Verhaltenskomponenten (Wie) erreichbar sind.
Auf den ersten Blick könnte man meinen, der Verstand mache Verhalten vom kleinkarierten Zwang nach unmittelbarer Erfüllung unabhängig, um dadurch langfristig große, wichtige und sinnvolle Ziele zu erreichen.
Tatsächlich ist das aber gar nicht so, denn es gibt kein Verhalten ohne Potential!
Weil der Verstand von der Potential-getriebenen Entstehung des Verhaltens nichts weiß, trifft er seine rationalen Verhaltensentscheidungen unabhängig von der Existenz eines Potentials. Das gilt sowohl für das Was als auch das Wie. Aus rationaler Sicht erscheint es vollkommen selbstverständlich, was rational richtig ist, das hat auch gefälligst zu passieren. Ohne Potential passiert jedoch gar nichts und rationale Richtigkeit an sich erzeugt kein Potential. (Ganz abgesehen von der Tatsache, dass, was rational mit großer Überzeugungskraft richtig erscheint, keineswegs tatsächlich richtig sein muss.) Jeder Mensch kennt die Situation, wie schwer rationale Verhaltensentscheidungen in die Tat umzusetzen sind. Oft muss man sich regelrecht dazu zwingen (sich ohne Potential irgendwie dazu bringen) und manchmal führt noch nicht einmal das zum Erfolg. So vieles bleibt bei guten Absichten und Vorsätzen und wird nie in die Tat umgesetzt. Aus diesem Dilemma heraus teilen sich rationale Verhaltensentscheidungen in 2 Ebenen:
- die bewusste Ebene rationaler Logik
- die unbewusste Ebene der tatsächlichen Verhaltensumsetzung rationaler Entscheidungen
Was geschieht, wenn der Verstand ein Verhalten erzwingt, für das kein natürliches Potential existiert?
Der Verstand muss es irgendwie schaffen, ein Potential künstlich zu erzeugen und die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, von dem die Aufmerksamkeit eigentlich gar nicht angezogen wird. Das tut er, indem er zur Abschreckung ein negatives (abstoßendes) Potential aufbaut. Er bläst in seiner Vorstellung (oder auch Kommunikation) die negativen Konsequenzen gewaltig auf, die sich angeblich ergeben, wenn seine Verhaltensentscheidung nicht umgesetzt wird. Und tatsächlich funktioniert das teilweise. Die Abschreckung durch die angeblich riesigen negativen Konsequenzen lenkt die Aufmerksamkeit auf etwas, dem sie sich eigentlich nicht zuwenden will. Es macht zwar keinen Spaß, aber es setzt Körper und Psyche widerwillig in Bewegung. Allerdings muss der Verstand dafür die Aufmerksamkeit zunächst mit großem Nachdruck auf den Zustand fixieren, der eigentlich vermieden oder verlassen werden soll. Auf diese Weise kann er zwar die Aufmerksamkeit teilweise in die beabsichtigte Richtung zwingen und damit Körper und Psyche in die gewollte Richtung bewegen, aber der zur Abschreckung dienende negative Zustand bekommt sehr viel Aufmerksamkeit, was große Mengen an Energie in die falsche Richtung lenkt.
Der Verstand bedient die Ebene der Verhaltensentstehung unbewusst falsch und sabotiert damit ohne es zu wissen seine Vorhaben.
Während der Verstand die Gesetzmäßigkeiten der Materie zur Lösung seiner Probleme anwendet, werden durch die falsche Ausrichtung der Aufmerksamkeit der nicht-gesetzmäßige Verhaltensanteil der Materie und die Entwicklung der Gesetzmäßigkeiten so beeinflusst, dass sie dem Erfolg der Vorhaben entgegenwirken.
Es existiert zu JEDEM Verhalten eine Wahrnehmung, die es antreibt!
Diese Wahrnehmung und ihre Wirkung auf die Entwicklung ist dem Verstand nicht bewusst. Er hat die Energie-Ebene der Verhaltensentstehung nicht im Blick. Der Verstand setzt die Psyche so lange mit Horrorszenarien unter Druck, bis sich Psyche und Körper widerwillig in die gewollte Richtung bewegen. Und je mehr er das tut, umso mehr Energie lenkt er in die falsche Richtung.
Bei rein rationalen Verhaltensentscheidungen ist die Absicht, welche der Verstand auf bewusst-rationaler Ebene verfolgt, nicht mit der Vorstellung Identisch, welche das Verhalten tatsächlich unterbewusst antreibt und damit die Energie des Bewusstseins lenkt. Ganz im Gegenteil liegt beides gegensätzlich auseinander.