Bewusstsein und Gesetzmäßigkeiten

Eine Gesetzmäßigkeit verbindet eine Bedingung mit einer Konsequenz:

Gesetzmäßigkeit: Bedingung ⇒ Konsequenz

Wann immer die Bedingung gegeben ist, tritt die Konsequenz ein. Eine Gesetzmäßigkeit anzuwenden heißt,

  1. die Bedingung zu erfüllen, um die Konsequenz zu bekommen oder
  2. die Bedingung zu vermeiden, um eine unerwünschte Konsequenz zu umgehen.

An dieser Stelle geht es um den ersten Fall: eine Bedingung zu erfüllen, um eine Konsequenz zu bekommen. Das Erfüllen einer Bedingung bedeutet, Energie einzusetzen. Es wird Energie investiert, aber man bekommt die Konsequenz dafür. Das macht nur dann Sinn, wenn das, was man mit der Konsequenz bekommt, einen höheren Wert hat als das, was für das Erfüllen der Bedingung eingesetzt wird. Um eine Gesetzmäßigkeit anzuwenden, muss das Bewusstsein Energie einsetzen, aber es bekommt in Form der Konsequenz etwas dafür, das für das Bewusstsein ohne die Gesetzmäßigkeit entweder gar nicht oder nur mit einem höheren Aufwand erreichbar ist.

Durch die Anwendung einer Gesetzmäßigkeit kann etwas mit weniger Energie erreicht werden, als es ohne die Gesetzmäßigkeit möglich wäre.

Das ist der Nutzen, den Gesetzmäßigkeiten für das Bewusstsein haben. Um das Potential von Gesetzmäßigkeiten auszuschöpfen, setzt das Bewusstsein den Verstand ein.

Das ist eine andere Sicht, als sie der Verstand momentan hat: Für den Verstand geht ohne Gesetzmäßigkeiten GAR NICHTS. Für das Bewusstsein aber schon. Das Bewusstsein lenkt andere Energieelemente auch ohne Gesetzmäßigkeiten. Und dennoch sind Gesetzmäßigkeiten ein grundlegendes Werkzeug für das Bewusstsein - allerdings eben auch nur eines von mehreren.

Nun zurück zur Entstehung des Verhaltens: Eine Wahrnehmung erzeugt ein Potential, welches die Aufmerksamkeit des Bewusstseins anzieht. Wenn das Bewusstsein der Wahrnehmung seine Aufmerksamkeit schenkt, lenkt das andere Energieelemente in Richtung dieser Wahrnehmung.

Wenn das Bewusstsein sich entscheidet, eine Gesetzmäßigkeit einzusetzen, um dem Zustand näher zu kommen, von dem es sich angezogen fühlt, dann muss es ja die Bedingung erfüllen. Was es eigentlich will und wovon es eigentlich angezogen wird, ist die Konsequenz. Aber wenn die Konsequenz über eine Gesetzmäßigkeit zu erreichen ist, dann muss dafür die Bedingung erfüllt werden:

Gesetzmäßigkeiten lenken die Aufmerksamkeit von der Konsequenz auf das Erfüllen der Bedingung, weil das das nächste Teilziel ist, welches erreicht werden muss!

Das liegt in der Natur der Sache und daran ist überhaupt nichts verkehrt. Die Anwendung von Gesetzmäßigkeiten führt dazu, dass die Aufmerksamkeit nicht mehr auf die ursprünglich das Verhalten antreibende Wahrnehmung fixiert ist. Nun ist es in den meisten Fällen so, dass nicht nur eine einzelne Gesetzmäßigkeit angewandt wird, sondern mehrere aufeinander geschichtet: Die Bedingung der ersten Gesetzmäßigkeit wird durch den Einsatz von weiteren Gesetzmäßigkeiten erfüllt und deren Bedingungen wieder von weiteren.

Auch das ist kein Problem: Das Potential überträgt sich immer wieder von der Konsequenz auf die Bedingung. Normalerweise steigert sich das Potential mit dem Erkennen und Anwenden einer Gesetzmäßigkeit sogar, weil die Konsequenz dadurch entweder überhaupt erst erreichbar wird oder zumindest schneller erreicht wird als ursprünglich gedacht. Dieser Prozess funktioniert auch über viele Stufen verschiedener Gesetzmäßigkeiten hinweg. ABER:

Die Anwendung einer Gesetzmäßigkeit kann falsch sein!

Das ist sie dann, wenn die Konsequenz durch die Anwendung der Gesetzmäßigkeit nicht erreicht werden kann. Es heißt hier ganz bewusst "Die Anwendung einer Gesetzmäßigkeit kann falsch sein", denn das schließt zwei Fälle ein:

  • Die Gesetzmäßigkeit als solche ist falsch. Dieser Fall ist klar: Wenn die Gesetzmäßigkeit falsch ist, führt das Erfüllen der Bedingung nicht zur Konsequenz.
  • Die Gesetzmäßigkeit als solche stimmt zwar, aber ihre Anwendung ist falsch. Für den Verstand (und das wissenschaftliche Weltbild) existiert diese Unterscheidung nicht. Der Verstand untersucht nur die Gesetzmäßigkeiten als solche (und beweist sie wissenschaftlich) und geht dann ganz selbstverständlich davon aus, dass sie natürlich auch genauso angewendet werden können. Warum das bei weitem nicht immer funktioniert, wurde bereits mehrfach erwähnt: Es liegt am nicht-gesetzmäßigen Verhaltensanteil und der Veränderung von Gesetzmäßigkeiten, die beide dem Erfolg der Anwendung einer Gesetzmäßigkeit entgegen wirken können.

Das rationale Modell des Verstandes hat zwei grundsätzliche Defizite:

  1. Es ist unvollständig: Es untersucht nur die Gesetzmäßigkeiten als solches, umfasst aber nicht den Prozess ihrer Anwendung.
  2. Der Verstand identifiziert sein rationales Modell mit der Realität. Er hält sein Modell für die Realität selbst. Das Modell ist aber nur eine Abbildung, die eben auch falsch sein kann. Diese klare Trennung zwischen einer nur annähernden Abbildung und der tatsächlichen Realität ist dem Verstand verloren gegangen.

Beides führt dazu, dass der Verstand stur an seinen Gesetzmäßigkeiten festhält, auch wenn er durch ihre Anwendung seine Ziele nicht erreicht.

Eigentlich ist es kein Problem, wenn eine Gesetzmäßigkeit zunächst für eine Lösung gehalten wird, die sie dann aber nicht ist. Die erfolglose Anwendung der Gesetzmäßigkeit zeigt ja, dass es nicht funktioniert. Die nicht-rationalen Teile der Psyche würden den Verstand über seinen Fehler informieren und der müsste sich eine neue Lösung suchen. Mit jeder erneuten erfolglosen Anwendung übermitteln die nicht-rationalen Teile der Psyche ihre Botschaft klarer, aber der Verstand blockiert sie. Die natürliche Korrekturfunktion der nicht-rationalen Teile der Psyche wird durch den Verstand abgewürgt.

Der Verstand hält an seiner "Lösung" immer weiter fest und dadurch geht das Potential verloren. Das Potential ist zwar weiter mit der Konsequenz verbunden, die ursprünglich mal erreicht werden sollte, aber es überträgt sich nicht mehr auf das Erfüllen der Bedingung. Auch für die Bindung des Verhaltens an das Potential sind die nicht-rationalen Teile der Psyche verantwortlich. Wenn die nicht-rationalen Teile der Psyche spätestens nach einigen erfolglosen Versuchen den rationalen Fehler erkennen, löst sich das Potential von der Gesetzmäßigkeit. So entstehen rationale Verhaltensentscheidungen ohne Potential durch Fehler im Weltbild. Und dann muss der Verstand das Potential für die Erfüllung der Bedingungen künstlich erzeugen (siehe letztes Kapitel). Es erweist sich hier als großer Nachteil, dass der Verstand dem Potential keine Bedeutung beimisst und es sogar als den Normalfall ansieht, sich zwingen und überwinden zu müssen.

Ein falsches Weltbild trennt die Aufmerksamkeit vom Potential. Die Aufmerksamkeit folgt dadurch rationalen Verhaltensentscheidungen und ist nicht mehr an das auf sie wirkende Potential gekoppelt.

JEDE Verhaltensentscheidung geht in ihrem Ursprung über viele rationale Entscheidungen auf das Potential zurück, welches auf das Bewusstsein wirkt - hat also eine Art "echten Kern". Die Fehler im rationalen Modell führen das Verhalten aber in die Irre und vom Potential weg. Heraus kommt dann Verhalten, das falsch, dumm und grausam erscheinen kann.

Normalerweise wandert das Bewusstsein mit seiner Aufmerksamkeit regelmäßig zur eigentlichen Quelle eines Verhaltens zurück. Es sucht immer wieder die Wahrnehmung, die das Verhalten ursprünglich mal ausgelöst hat, indem es sich fragt: "Warum nochmal tue ich das jetzt eigentlich?" Es existiert in der Psyche ein natürlicher Drang, den Kontakt zum ursprünglichen Auslöser eines Verhaltens zu behalten. Deshalb bleibt auch die Aufmerksamkeit zu einem Teil auf diese ursprünglichen Wahrnehmung fixiert, während das Bewusstsein gleichzeitig mit Dutzenden untergeordneten Bedingungen von Gesetzmäßigkeiten jongliert. Wenn aber durch falsche Zusammenhänge im rationalen Modell die Verbindung zum Potential verloren geht, dann geht auch die Verbindung zu den ursprünglichen Motiven verloren, weil der Verstand so stark darauf fixiert ist, etwas hinzubekommen, das auf diese Weise nicht erreichbar ist.

Der Prozess des Aufeinanderschichtens von Gesetzmäßigkeiten kann sich in der Kindheit beginnend durch ein ganzes Leben hindurchziehen, z.B.

  • "Ich muss mir die Liebe meiner Eltern (Konsequenz) verdienen, indem ich das und das tue (Bedingung)."
  • "Ich bin es nicht wert, glücklich zu sein oder Erfolg zu haben (Konsequenz), weil ich immer alles falsch mache oder böse bin. Ich muss mich mehr anstrengen, alles richtig zu machen und ein guter Mensch zu werden (Bedingung)."

Dann kann ein ganzes Leben verstreichen bei dem Versuch, die Bedingungen für Liebe, Glück und Erfolg zu erfüllen, ohne dass das Ziel jemals erreicht wird. Immer neue Dinge werden ausprobiert, um das Ziel doch noch zu erreichen. Die ursprünglichen falschen Annahmen werden mit der Zeit vergessen und wandern ins Unterbewusstsein. Von dort beeinflussen sie das Verhalten und entfalten ihre blockierende Wirkung, durch die das Angestrebte niemals erreicht wird.

Auf diese Weise können im Unterbewusstsein viele sich überlagernde Schichten von Pseudomotivationen entstehen, die alle das Verhalten bestimmen, ohne dass es auf bewusster Ebene bemerkt wird. Dafür gibt es das Bild einer Zwiebel, die sich Schicht um Schicht häuten muss, ehe ganz unten drunter der Kern des "wahren Selbst" (der natürliche Verhaltensantrieb) wieder zum Vorschein kommt. All die falschen Teile des Weltbildes müssen erkannt und korrigiert werden, um das Verhalten wieder direkt mit seiner eigentlichen Quelle zu verbinden.

Es ist das simple Schema der rationalen Arbeitsweise des Verstandes, eine Bedingung zu erfüllen, um etwas dafür zu bekommen. Deshalb glaubt der Verstand, dass er ohne etwas dafür zu tun, gar nichts bekommt. Das entspricht zwar tatsächlich der Natur materieller Gesetzmäßigkeiten, aber anders als der Verstand glaubt, sind Materie und ihre Gesetzmäßigkeiten bei weitem nicht die ganze Realität. Der Verstand überträgt sein Schema jedoch auf die ganze Realität und dabei auch auf viele Bereiche, auf die es absolut überhaupt nicht zutrifft.

nächstes Kapitel: Bewusstsein und Körper